Hierarchien und Machtstrukturen

Es gibt sehr viele Hierarchien und Machtstrukturen zwischen Menschen. Viele davon werden seit Jahrhunderten aufgebaut. Auch heute entstehen immer noch neue. Hierarchien und Machtstrukturen entstehen infolge von Ungleichheiten zwischen Menschen und Orten, an denen sie leben. Sie entstehen zum Beispiel durch ungleichen Zugang zu Ressourcen. Diese Ressourcen beziehen sich auf Wirtschaft, Reichtum, Rohstoffe, Wissen, Bildungschancen, Gesundheitssystem, soziale Kontakte, Rechte und Schutz und noch viel mehr.

 

Es gibt viele Menschen und Orte, die eine machtvolle Position haben. Manchmal wissen diese Menschen das. Manchmal ist es ihnen aber nicht bewusst. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die unterdrückt werden und abhängig sind von anderen Menschen.  

 

Seit Jahrhunderten sind es besonders Menschen aus dem „Globalen Süden“, die von Menschen und Strukturen des „Globalen Nordens“ beherrscht und abhängig gemacht werden. Eine große Rolle spielen dabei die Kolonialisierung und die Sklaverei. Gedanken und Strukturen über Macht und Unterdrückung entstanden schon vor Jahrhunderten. Diskriminierung und Rassismus sind auch heute ein sehr großes Problem. Es gibt immer noch viele Personen, die denken, dass Menschen abhängig von ihrer Hautfarbe und Herkunft unterschiedlich viel wert sind. Diese Gedanken haben sehr negative Auswirkungen auf die Beziehung vieler Menschen zueinander und sind sehr gefährlich. Oft stellen sich dadurch manche Menschen über andere und es entstehen Hierarchien und ungleiche Machtstrukturen.  

Beziehungen zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten Menschen

Die Beziehung zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten Menschen ist oft geprägt von diesen bestehenden Hierarchien und Machtstrukturen auf der Welt.

 

Auf der einen Seite gibt es Menschen, die ihr Zuhause verlassen müssen und an einen neuen Ort fliehen. Auf der Flucht verlieren sie meistens sehr viel, was ihnen wichtig ist. An dem neuen Ort kennen sie sich oft nicht aus. Meistens sprechen sie auch eine andere Sprache und kennen die anderen Menschen nicht. Sie brauchen Hilfe. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die in dem Ankunftsland (zum Beispiel Deutschland) schon lange zuhause sind und geflüchteten Menschen Hilfe anbieten (können).

 

Auf Hilfe angewiesen zu sein und Hilfe anbieten zu können ist ein sehr großer Unterschied. In dieser Position haben einheimische Menschen sehr viel Macht und geflüchtete Menschen sehr wenig. Sie sind abhängig.

 

Diese Macht und Abhängigkeit ist in vielen kleinen Situationen erkennbar. Zum Beispiel, wenn eine Lehrerin Sprachkurse anbietet und bestimmt, wer teilnehmen darf, um wie viel Uhr der Unterricht beginnt und wie lange er dauert. Oder, wenn Nachbar*innen Kleider spenden und Aktivitäten für geflüchtete Menschen organisieren, um ihnen zu helfen. Und auch, wenn Ehrenamtliche geflüchtete Menschen besuchen, sie aber nie zu sich nachhause einladen. All dies sind sehr wertvolle und wichtige Handlungen und geben geflüchteten Menschen oft das Gefühl, willkommen zu sein.

 

Doch gleichzeitig entsteht durch diese Hilfe und Unterstützung immer mehr Macht auf der einen Seite und Abhängigkeit auf der anderen Seite. Oft bestimmen die einheimischen Menschen über die Aktivitäten, den Treffpunkt und die Uhrzeit und sagen, was wichtig ist und was nicht. Geflüchtete Menschen können selten mitbestimmen. Sie werden oft nicht nach ihren Meinungen, ihren Interessen, Gefühlen und Prioritäten gefragt. Von ihnen wird erwartet, dankbar zu sein. Doch geflüchtete Menschen sind genauso Menschen, die mitsprechen und mitbestimmen sollten!

Etwas Neues entsteht

Für uns ist es sehr wichtig, dass zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten Menschen etwas Neues entsteht. Wir finden die Idee nicht gut, dass sich geflüchtete Menschen „an das Leben in Deutschland“ anpassen sollen. Diese Vorstellung ist für uns zu einfach. Wir denken, dass Gesellschaften immer im Prozess sind und sich immer verändern. Deshalb glauben wir, dass es keine feste Gesellschaft gibt, in die sich ein Mensch integrieren kann.

 

 Gesellschaften entwickeln sich immer neu. Und auch jetzt entwickelt sich sehr viel Neues. Doch nur wenige Menschen können an dem Aufbau des Neuen aktiv teilnehmen. Für uns ist es deshalb sehr wichtig, dass wir gemeinsam miteinander sprechen. Wir möchten uns überlegen, welche Ideen, Ziele und Möglichkeiten wir miteinander haben. An diesen Gesprächen sollen nicht nur Menschen in Machtpositionen teilnehmen, sondern alle Menschen.

 

Diese Prozesse der Aushandlung im Kleinen und im Großen finden wir sehr wichtig. Wir wollen etwas Neues aufbauen, was aus uns allen entsteht und was Ideen von uns allen beinhaltet. Wir möchten dabei nicht nur geflüchtete und nicht geflüchtete Menschen einschließen, sondern einfach Menschen, die unterschiedliche Geschichten, Meinungen, Ideen, Erfahrungen und Wünsche haben. Nur wenn wir zusammen ins Gespräch kommen und uns „auf Augenhöhe“ begegnen, können wir gemeinsam etwas Neues gestalten.

Wichtigkeit der Begegnung "auf Augenhöhe"

Das Wort „Augenhöhe“ bedeutet, dass sich Menschen einander in die „Augen“ schauen und sich diese auf einer „Höhe“ befinden. Keiner der Menschen steht über oder unter dem anderen. Ihre Augen befinden sich auf einer Ebene – auf einem gemeinsamen Boden („common ground“).

 

Bei einer Begegnung „auf Augenhöhe“ nehmen mindestens zwei Personen teil. Es ist eine Begegnung ohne Hierarchien und Machtstrukturen. Sie findet zwischen Menschen statt, die in der Begegnung gleichberechtigt und selbstbestimmt sind. Das bedeutet, dass alle mitreden können und alle einander zuhören. Eine Begegnung „auf Augenhöhe“ heißt auch, dass sich die Menschen gegenseitig respektieren. Respekt bedeutet, dass sich Menschen als eigenständige Menschen begegnen und als Menschen anerkennen. Dabei sind die Anerkennung der anderen Person und die eigene Anerkennung von sich selbst gleich wichtig. Dazu gehört die Anerkennung anderer Meinungen, Ideen, Sichtweisen und Lebensformen.

 

Durch die Hierarchien und Machtstrukturen zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten Menschen begegnen sie sich nicht „auf Augenhöhe“. Sie sind in ungleichen Positionen und Lebenssituationen. Auf der einen Seite sind geflüchtete Menschen auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Auf der anderen Seite haben Menschen, die hier aufgewachsen sind, oft mehr Macht und können helfen. Die Menschen sind nicht gleichberechtigt. Diese Struktur besteht schon seit vielen Jahrhunderten. So begegnen sich geflüchtete und nicht geflüchtete Menschen nicht „auf Augenhöhe“. Meistens können nicht alle von ihnen mitreden und sich einander zuhören. Auch anerkennen sie sich oft nicht als selbstbestimmte Menschen, sondern sehen sich und die anderen oft als „Hilfsbedürftige“ oder  „Helfer*innen“.

 

Wir wissen, dass eine Begegnung „auf Augenhöhe“ zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten Menschen aufgrund struktureller Ungleichheiten nicht möglich ist. Für uns ist diese Augenhöhe jedoch sehr wichtig. Wir sind alle selbstbestimmte Menschen und haben viel Energie, um gemeinsam etwas Neues zu gestalten. Diesen gemeinsamen Prozess nennen wir Aushandeln. Doch wir können nur gemeinsam etwas Neues aushandeln, wenn wir alle mitsprechen können, uns gegenseitig zuhören und uns als selbstbestimmte Menschen respektieren. Wir möchten nicht länger in einer Welt leben, in der es so viele Hierarchien und Machtstrukturen gibt und wenige Menschen über viele andere bestimmen.

 

Mit unserem Projekt möchten wir beginnen, ganz unterschiedliche Menschen mit in die Entscheidungen einzubeziehen. Wir möchten uns gemeinsam Gedanken über uns und das gesellschaftliche Leben machen. Wir möchten miteinander sprechen und uns einander zuhören. Wir möchten unsere eigenen Ideen und Handlungen reflektieren und fragen, welchen Sinn die Meinungen und Wünsche anderer haben. Dabei möchten wir einander als Menschen anerkennen und respektieren. Gleichzeitig setzen wir uns mit bestehenden Machtstrukturen und Ungleichheiten zwischen uns auseinander. Nur so können wir zusammen etwas Neues entwickeln. Wir können ungleiche Strukturen nicht auf einmal auflösen. Aber wir können sie gemeinsam erkennen und uns Handlungsmöglichkeiten überlegen. Wir können zusammen erleben, was wir auch in unserer Gesellschaft erleben möchten. An diesem Prozess sollen alle teilnehmen können, die wollen.

 

So möchten wir eine Begegnung zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten Menschen „auf Augenhöhe“ aufbauen – im Kleinen und vielleicht irgendwann auch im Großen.

 


Anmerkung: Dieser Text wurde von der Gruppe „auf Augenhöhe“ verfasst. Er ist in einem Prozess und wird immer verändert. Der Text soll komplexe Inhalte in einfacher Sprache wiedergeben. Deshalb sind die Inhalte teilweise sehr vereinfacht und verallgemeinert geschrieben. Sie beziehen sich auf unsere eigenen Sichtweisen der Welt.

 

Wir freuen uns sehr über weitere Anregungen und Ideen.